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Zu Gast bei Brahms

Prof. Sandberger im Gespräch mit Otto Biba

In der Reihe „Zu Gast bei Brahms“ begrüßte Wolfgang Sandberger in der Villa Brahms Otto Biba, bis vor kurzem Direktor des Archivs, der Bibliothek und der Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Dort hat Biba fast fünfzig Jahre kostbarste Schätze gehütet, wie originale Handschriften aus der Feder von Haydn, Beethoven, die größte Brahms-Sammlung der Welt. Darunter auch die Kollektion von 1546 bis 1674 aus der Lübecker Marienkirche, die im Zusammenhang mit dem Wiener Kongreß Anfang des 19. Jahrhunderts nach Wien abgegeben worden war. Der international renommierte Musikwissenschaftler ist  ein gesuchter Fachmann, der große Ausstellungen in Europa, Japan und den USA kuratierte. Neben zahlreichen Publikationen edierte er mehr als 120 musikalische Werke. Wolfgang Sandberger, Hüter der zweitgrößten Brahms-Sammlung, sagt: „Otto Biba ist für mich nicht nur ein langjähriger geschätzter Weggefährte, mit dem wir zahlreiche Ausstellungen am Brahms-Institut gemeinsam realisiert haben. Er ist vor allem ein hoch geschätzter Kollege, und es ist mir eine große Freude, dass ihn sein Weg am ersten Tag seines wohlverdienten Ruhestands nach Lübeck führt.” In der Hansestadt produzierte Biba zusammen mit Sandberger einen Podcast für das Schleswig-Holstein Musik Festival zum diesjährigen Komponisten-Schwerpunkt Schubert.
Sandberger und Biba nahmen auf den weißen Clubsesseln im frisch restaurierten Hansen-Saal Platz. Im Plauderton berichtete Biba von Wien als Musikstadt, der Zusammenarbeit mit Künstlern, seinen Anfängen im Archiv der Musikfreunde, als er abgewiesen wurde, „weil schon drei da seien“. Interessant die Begebenheiten, nachdem er Archivleiter geworden war, um das abenteuerliche Beschaffen von Autographen aus dem Nachlass oder in Musikgeschäften. Biba rät, auch was Spitzenpreise betrifft, zu Vorsicht, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Zur Bedeutung des Archivs betont er den Begriff Kompetenzzentrum gegen das bestehende Zerrbild, vielmehr Frage- und Auskunftsbüro, die Wichtigkeit der Vermittlung und die Funktion als Multiplikator. Als Beispiele nennt er die Zusammenarbeit mit den Dirigenten Harnoncourt bei Lanner-Werken und mit Muti zu Salieri. Beim Musikleben hebt er die Begeisterung in Tokyo anlässlich einer Beethoven-Ausstellung hervor, lehnt die zunehmende Trennung von Wissenschaft und Praxis ab. Vor Alternativen gestellt, entscheidet sich Biba für Maria Theresia, Ligeti und Strawinsky; die Arbeit mit dem Nachlass Gottfried von Einems sei besonders herausfordernd gewesen. Besonders schön habe sich in Lübeck die Zusammenarbeit beim Bach/Brahms-Projekt gestaltet.
Es ergab sich das Bild eines Archivars, der mit Begeisterung und Leidenschaft seinen Beruf ausübt. Zum Abschied überreichte Sandberger Biba eine Flasche Brahms-Riesling.
Die jungen Hochschul-Pianisten Moritz Heinrich und Leander Gosch rahmten charaktervoll die Veranstaltung mit Walzern von Brahms und Ländlern von Schubert zu vier Händen.
Wolfgang Pardey