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Theater aktuell: Rabenschwarzer Humor

Mit rabenschwarzem Humor schilderte Ödön von Horváth 1926 in der Komödie „Zur schönen Aussicht“ die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit. Friederike Harmstorf hat das Stück in den Kammerspielen inszeniert. Regie und Spiel sind  Verbeugungen vor Horváth, vor dessen Hellsichtigkeit und dessen Witz. Besonders der gelangt in Lübeck zu neuer – aktueller – Strahlkraft.

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Horváth legt den zum Bonmot gewordenen Satz der Ada Freifrau von Stetten in den Mund. Doch auf dem mühseligen Weg zum Anderssein lässt sich die Gesellschaft im Hotel „Zur schönen Aussicht“ bereitwillig ausbremsen.

Das Haus hat seine besten Tage hinter sich, es ist zum Unterschlupf für verkrachte und kriminelle Existenzen verkommen. Hoteldirektor Strasser (Jan Byl) balanciert es mit dem einzigen zahlenden Gast, der macht-, geltungs- und lustgierigen Freifrau Ada (Gabriele Völsch) am Rande der Existenz.

Entsprechend rigide regiert Ada mit ihrem Geld die Bergwelt, instrumentalisiert Chauffeur (Michael Fuchs), Direktor, Kellner (Matthias Hermann), Gläubiger (Robert Brandt) und den in Selbstmitleid und Schulden ersaufenden Zwillingsbruder Emanuel (Sven Simon). Das Gefüge gerät ins Wanken, als die junge Christine (Rachel Behringer) auftaucht und Strasser mit einer Vaterschaft konfrontiert; nun droht Adas Geldfluss zu versiegen. In männlicher Einigkeit zetteln die Herren eine niederträchtige Intrige an, indem sie Christine als Hure verunglimpfen. Doch die Ränke gehen nach hinten los. Es zeigt sich:  Christine wollte nicht etwa Geld, vielmehr ist sie selbst zu Vermögen gekommen, dass sie bereit war, für Hotel und alte Liebe einzusetzen.

Mit solch einer Gesellschaft muss es bergab gehen, das Bühnenbild Lina O. Nguyens weist den Weg: Auf einer Schräge saust das Gelichter aus einem Gebirge, in dem sich eine Europa-Karte mit Deutschland und Österreich als besonders finstere Löcher offenbart, steil hinunter ins graue Tal.

Karin Lubowski

Hinweis: Die vollständige Fassung der Theaterkritik erscheint im Heft 4 der Lübeckischen Blätter, 22. Februar.

Foto vorne: Michael Fuchs (Karl), Matthias Hermann (Max), Sven Simon (Emanuel Freiherr von Stetten), Robert Brandt (Müller); hinten: Gabriele Völsch (Ada Freifrau von Stetten) (Foto: Marlène Meyer-Dunker)