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Im Großen Haus: Alice, das Musical

Man stelle sich vor: Wir fallen in ein Loch und landen in einer absurden Welt. Autoritäten, Sprache, Regeln – auf nichts ist dort Verlass. Der Buchheldin „Alice“ geht es so. „Alice im Wunderland“ und die Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ sind 1865 und 1871 erschienene Bücher des Briten Lewis Carroll (bürgerlich Charles Dodgson), die als Kinderbuchklassiker gelten. Dann gibt es auch „Alice“. Das ist ein Musical nach Carroll von Tom Waits, Kathleen Brennan (Musik, Gesangstexte) und Paul Schmitt (Text), das unter der Leitung von Robert Wilson 1992 am Hamburger Thalia Theater entstand. Diese neue „Alice“ hat Malte C. Lachmann auf die Bühne im Großen Haus gebracht – eine wunderbare und entsetzliche, komische und tieftraurige Geschichte. Es geht um Manipulation, Realitätsflucht, „untoten“ viktorianischen Geist und Missbrauch.

Das Stück macht es einem Regie-Team nicht leicht. Man muss die „Alice“ des Lewis Carroll zeigen und auch die von Wilson und zugleich die Geschichte des Kindes Alice Liddell erzählen, dem Vorbild für die Heldin der Buchklassiker, zu dem Carroll eine fragwürdige Beziehung pflegte. Was genau war, lässt sich nicht ergründen, doch Alice’s Mutter verbot Carroll den Umgang mit ihren Töchtern und vernichtete Briefe aus dieser Zeit, die Erben des Autors machten dasselbe mit Tagebuchaufzeichnungen. Es riecht nach Vertuschen und Verschweigen, danach, dass Erwachsene ihrer Verantwortung nicht nachgekommen sind, danach, dass der Fall des kleinen Mädchens in ein unbegreifliches Wunderland eine Flucht ist – des Kindes, das tatsächlich die Nähe zu Carroll gesucht und auf die Niederschrift der verrückten Geschichten insistiert hat, und des Autors, der, im Erwachsenenalltag ein offenbar scheuer, stotternder Mensch, es als Geschichtenerzähler und auch als Fotograf insbesondere sehr junger verkleideter oder unbekleideter Mädchen zu gewisser Stärke brachte.

Wer das Stück in Angriff nimmt, muss obendrein mit Besuchern rechnen, die ein Wunderland-Märchen erwartet haben und hoch verwirrt oder enttäuscht die Vorstellung verlassen. Man muss mit Waits-Fans rechnen, die, angefüttert mit dem ersten, zwei Jahre älteren Wilson-Waits-Coup „The Black Rider“, wegen der Musik kommen und sich zwar ebenfalls in großen Tönen, aber auch in einem schweren Traum wiederfinden. Beides geschieht bei der Lübecker Premiere: Menschen verlassen mitten im ersten Teil den Saal bzw. kehren nach der Pause nicht zurück. Schwere Kost hat ihren Preis.

Wer die Lübecker „Alice“ aushält, bekommt indessen eine grandiose Arbeit zu sehen. Denn Lachmann, der in Lübeck auch „Monty Python’s Spamalot“ und „Die Dreigroschenoper“ inszenierte, gelingt es, insbesondere mit Hilfe von Luise Wandschneider (Bühne) und Tanja Liebermann (Kostüme), die Welt und die Welt hinter der Welt, die eine weitere birgt, mit praller Ästhetik zu zeigen. Das Bühnenbild wechselt beständig: von oben, von den Seiten, von hinten, von überall kommen Bilder, viele erinnern an Kinderzeichnungen, andere zeigen gerahmte Fotografien von Familienmitgliedern, deren Wunderland-Adaptionen auf der Bühne erscheinen. Vater gleich König, Mutter gleich Königin. „Kopf ab!“ urteilt die im Wunderland verirrte und verwirrte Alice. Astrid Färber wechselt von der erwachsenen Alice zum Kind und wieder zurück, zeigt hier wie da mit berührender Intensität, dass da ein Mensch nach Halt, Identität, Verstehen und Verständnis sucht, und zeigt, welche Rollen da ein weißer Hase und ein weißer Ritter haben können. Dem einen folgt man aus Neugierde und Abenteuerlust, der andere ist Beschützer in der Welt mit den unfassbaren Regeln und beide Rollen werden mit deprimierender Folgerichtigkeit von dem gespielt, der auch Dodgson/Carroll mit stotternder Unbedarftheit auskleidet: Andreas Hutzel.

Rollenwechsel sind fliegend in dieser Inszenierung. Sechs der insgesamt sieben Darsteller − neben Färber und Hutzel Lilly Gropper, Susanne Höhne, Will Workman, Heiner Kock und Henning Sembritzki − schlüpfen in 37 Charaktere und fantastische Kostüme. Nur Alice bleibt Alice. Darf man auch lachen? Man kann gar nicht anders. Das erigierende Objektiv des Fotografen Dodgson ist zum Brüllen, der Frosch mit seinem kakophonischen Gequake, das Schaf, das sich selbst strickt, die sinnleeren Wortkaskaden.

Und man kann genießen: die Logik der Inszenierung, die Spielfreude der Wunderländler und natürlich die Musik, die von sechs Instrumentalisten auf insgesamt zwölf Instrumenten aus dem Orchestergraben kommt. Die pointierten Arrangements stammen vom musikalischen Leiter Willy Daum, der ist sowieso eine Bank. Und auf der Bühne präsentiert das Personal Typisches für das Lübecker Schauspiel, nämlich hervorragenden Gesang. Niemand singt wie Tom Waits, und doch ist er mitten unter ihnen.

Dass es zum Ende der Premiere nur herzhaften und keinen donnernden Applaus gab, kann nur am Schrecken liegen, den Wilsons „Alice“ auslöst und den man, verpackt in der Frage, was einen Kinderbuchklassiker ausmacht, mit nach Hause nimmt.