KommentarKunstTheater

Gymnastik im Ganzkörper-Kondom

Das Thema klingt reißerisch bis provokativ. Der Spielclub Zwei, einer der Jugendclubs am Theater, wollte sich mit Pornographie, mit den Pornoclips auseinandersetzen, die überall im Netz zu finden sind. „Fifty Shades of Porn“ lautete der Titel des Abends. Ein Dutzend junger Leute zwischen 17 und 27 hat mit dem Schauspieler und Regisseur Vincenz Türpe herausgefunden, dass die Deutschen Weltmeister im Porno-Gucken sind. Warum konsumieren sie diese Filme? Was haben sie davon? Zu Beginn des gemeinsam entwickelten Stückes im Jungen Studio der Kammerspiele werden auf einer Filmleinwand Interviews eingespielt. Junge Leute schildern ihre Erfahrungen mit dem heißen Stoff. Gleich darauf treten dieselben jungen Leute quasi aus der Leinwand und spielen allerlei Szenen. Sie berichten, was man im Netz entdecken kann. Makellose, muskulöse, glatt rasierte Körper tummeln sich auf dem Laken, kein Schweißgeruch, kein Zaudern, keine Unsicherheit, kein Versagen, immer sprungbereit. Funktioniert so die wahre Liebe?
Hinter den reißerisch anmutenden Themen stecken sehr schnell ernste Erkenntnisse. Häufiger Pornokonsum lässt Bilder entstehen, die beim realen Date Folgen haben, zu Frust und Enttäuschung führen können. Von den möglichen Folgen für die Stars des Geschäfts ganz zu schweigen. Die Untersuchungen, die Erkenntnisse der jungen Darsteller werden in deutlichen Worten vorgetragen. Merkwürdig: Je offener man darüber spricht, je freizügiger die Sprache ist, desto mehr verliert das Geschäft mit der nackten Haut an Faszination. Wie in der Sauna: Nackte, verschwitzte Körper sind nicht unbedingt erotisch. Bei der Premiere wurde nicht selten gelacht, und die Mitwirkenden nehmen sich selbst aufs Korn, wenn sie zum Kamasutra-Buch greifen und im Ganzkörper-Kondom Übungen andeuten, die aus der Gymnastikstunde stammen könnten. Unter der Regie von Vincenz Türpe ist eine Collage aus Texten, Szenen, Dialogen und Musik entstanden, die unterhaltsam ist und nachdenklich stimmt. Vielleicht sogar zu der Erkenntnis führt, dass junge Liebe viel mehr sein kann als purer Pornosex.

Laut Programmheft ist das Stück für junge Menschen ab 16 Jahren gedacht. Am ersten Abend waren mehr Erwachsene als Jugendliche im Raum. Sie zollten den Mitwirkenden, nämlich Phaedra Brenke, Pia Fanick, Louisa Gast, Martha Lorenzen, Johanna Martini, Maja Nolte, Hendrik Schäfer, Fiete de Wall, Anna-Magdalena Walther, Adrian Zumbruch und Regisseur Vincenz Türpe starken Beifall. Ende November sind weitere Vorstellungen geplant (28. und 29. 11.). Konrad Dittrich

Adrian Zumbruch, Anna-Magdalena Walther, Ensemble (Foto: Lutz Roeßler)