Die Gretchen-Frage christlich und islamisch

Ein mutiges Unternehmen: Gleich drei Produktionen widmen sich in dieser Spielzeit beim Theater Combinale religiösen Themen. Die Reihe unter dem Stichwort „Glaube, Liebe, Hoffnung“ begann im Herbst mit „Götterdämmerung“, wurde im Dezember mit „Die Herde“ fortgesetzt (Weihnachten aus Sicht der Tiere). Es folgt „Afzals Töchter“, eine Auseinandersetzung um Christentum und Islam. Das Besondere: In allen Fällen wird kein philosophisches Seminar geboten. Vielmehr ist der durchaus seriöse Stoff heiter und unterhaltsam verpackt. Das Premierenpublikum am 14. Februar feierte die vier Darsteller und das Team stürmisch. Autor des Stückes ist der in Amerika geborene, mehrere Male mit Preisen ausgezeichnete Ayad Akhtar. Seine Vorfahren kamen aus Pakistan, und auch Herr Afzal aus dem Stücktitel hat pakistanische Wurzeln. Afzal ist seit 35 Jahren Taxiunternehmer, hat es zu Wohlstand gebracht. Seine Frau ist an Krebs gestorben. Nun will er die beiden Töchter an den richtigen Mann bringen. Ohne Wissen Zarinas, der älteren Tochter, stellt er ein Profil von ihr ins Netz, bei einer Dating-Agentur für Muslime.

Afzals Wahl fällt auf Elias, einen Deutschen, der konvertiert ist, sogar Imam wurde. Das erste Date findet zwischen Vater und Schwiegersohn statt. Natürlich hat schon das urkomische Momente, genauso wie das erste Zusammentreffen der beiden „Zukünftigen“. Afzals Töchter sind westlich erzogen. Man merkt es gleich an den eng sitzenden Hosen (Kostüme Katia Diegmann). Zarina hat sich auch innerlich von strengen Überlieferungen gelöst. Sie ist dabei, ein Buch zu schreiben, das den Propheten Mohammed sehr menschlich zeigt, mit Lüsten und Begierden. Als Vater Afzal das Manuskript in die Hand bekommt, fliegen die Fetzen. Es dauert zwei Jahre, ehe erneut ein Gespräch möglich ist. Auch die jüngere Tochter Mawish hat ihre Probleme mit dem Frau-werden. Ein hochbrisantes Thema um Emanzipation, religiöse Bevormundung, um Toleranz, interkulturellen und interreligiösen Dialog. Regisseur Vincenz Türpe lässt die kurzen Szenen in raschem Wechsel folgen, die Dialoge aufeinander prasseln. Er sorgt dafür, dass die unterschiedlichen Temperamente sich immer wieder entladen können.

Auf der Bühne steht nur ein Sofa, ganz in Weiß. Grüne durchsichtige Stoffbahnen, gestaffelt gehängt, teilen den Raum. Grün ist die Farbe des Propheten (Bühne: Marcel Weinand). Vier Gäste aus Hamburg sind zu erleben. Ramin Yazdani als Vater läuft bei seinen eruptiven Ausbrüchen zu großer Form auf. Er hat seine Töchter zwar nicht zum Schleier gezwungen. Nun aber kommen die ländlichen Traditionen der Vorfahnen wieder hoch. Alice Hanimyan als ältere Tochter Zarina folgt konsequent und unbeirrbar ihren Zielen, fordert Frauenrechte ein, will verstaubte Zöpfe abschneiden. Sinem Süle als jüngere Tochter wahrt über weite Strecken den Schein. Erst gegen Ende bekommt die Fassade Risse. Lennart Lemster als Elias gibt die ehrliche Haut, wächst langsam in neue Rollen hinein. Ein intelligent geschriebenes Stück in einer sehenswerten Inszenierung. Es steht bis in den April hinein auf dem Spielplan des Combinale.

Konrad Dittrich

 

Bildlegende

Alice Hanimyan als Zarina und Lennart Lemster als Elias in der Tragik-Komödie 'Afzals Töchter' (Foto: Michael Eichholz, Theater Combinale)