KommentarMusik

Bekenntnismusik von Mahler und Schostakowitsch

Bekenntnismusik von Mahler und Schostakowitsch

Im zweiten Saisonkonzert der Lübecker Philharmoniker traten die Ziele des neuen Generalmusikdirektors Stefan Vladar entschieden hervor: Ein plastisch durchhörbarer, klar konturierter Klang, in dem alle Instrumentengruppen feinste Nuancen aufbieten und das Zusammenspiel von bruchloser Intensität getragen ist. Das Orchester leuchtete gleichsam von innen. Und alles zielte auf eine Aussage, die über das Hier und Jetzt hinausgeht. Das Konzert spiegelte, wie in wenigen Monaten der Zusammenarbeit die Orchesterkultur einen enormen Aufschwung genommen hat. Mahlers Satz „Blumine“ mit den Soli der Trompete, dann der anderen Bläser entfaltete sich schwingend, fein und sensibel. Ein Einzelwerk, das mal Sinfonieteil war, nun aber, wie manches andere, als kurzes Stück herumgeistert. Vladar hat als Wiener gute Kontakte in der Donaustadt. Die große österreichische Vokalsolistin Angelika Kirchschlager hatte den Weg in die MuK gefunden, Kammersängerin der Wiener Staatsoper, und brachte mit voluminösem, warmen Mezzosopran Mahlers „Kindertotenlieder“ nach Rückerts Gedichten. Enorm intensiv spürte sie dem erschütternden Gehalt nach, mit feinfühlender Stimme voller Tiefe und Fülle. Flexibel, ohne jede spürbare Anstrengung, entfalteten sich vielfältige Valeurs – eine fesselnde Interpretation. Vladar und das Orchester ließen der Solistin enorme Freiheit und gaben den kammermusikalischen Begleitsatz mit artifizieller Klangkultur und Farbweite.

Schostakowitsch rettete Leben und Kunst, indem er in Sarkasmus, Ironie und Groteske flüchtete, wenn die stalinistische Kulturpolitik zuschlug. Die fünfte Sinfonie (1937) entstand unmittelbar nach Stalins Angriff „Chaos statt Musik“ im Zusammenhang mit der Oper „Lady Macbeth“. Was ist in der Sinfonie Anbiederei an den sozialistischen Realismus, was Farce als zynische Antwort? Für die ersten Sätze scheint die Antwort klar. Die Musik schweift doppelbödig umher, das Fratzenhafte nach Mahlers Manier prägt das Scherzo, und das Largo ist verzweifelte Bekenntnismusik. Stefan Vladar und die Philharmoniker gaben all dem profunden Ausdruck. Nach der Trauermusik bricht im Finale affirmative Wucht los – großartig gespielt und ein Publikumserfolg. Aber was der Komponist letztlich meinte, es bleibt sein Geheimnis.

Wolfgang Pardey

 

Legende

Angelika Kirchschlager (Foto: © Nikolaus Karlinsky)